„Sommeråpent“, das hinterlistig-liebliche Wort der Norweger für „im Juli fast durchgängig geschlossen“

Eine der Eigenarten, welche ich an den Einwohnern meiner zumeist heißgeliebten norwegischen Wahlheimat ganz besonders schätze, ist ihre Fähigkeit, Dinge leicht und positiv zu nehmen und unbeirrt das (sicherlich erfrischende!) Halbvolle im Glas im Fokus zu behalten. Für eine Deutsche ganz schön schwierig, wenn man doch damit groß geworden ist, dass auch an der himmlisch schönsten Sache irgendwo ein Haken lauern muss. Auch wenn man ihn verdammt lange suchen muss. Irgendwo versteckt er sich und schlägt bestimmt eines Tages gnadenlos zu und beißt sich fest- und dann steht man da und hat es wenigstens vorher geahnt! Hab ich es denn nicht gesagt?

So ein Norweger* – vielleicht sogar „der“ Skandinavier? – ist bereit, das Schöne aufzuspüren, es freudig anzunehmen und auch am Nicht-ganz-so-Schönen Partikel von schön herauszuarbeiten. Das schlägt sich auch ganz eindrücklich in der Sprache selbst und in der Art, Information durch eine bejahende Formulierung hübsch zu verkleiden, wieder.

Ich erinnere mich gerne an die Probeveranstaltung für die Nordische Ski-WM, die vor ein paar Jahren diese wintersportverrückte Nation so stolz gemacht hat. Obwohl auch damals schon eine beachtliche Menschenmenge öffentlich zu den Sportstätten am nordwestlichen, höhergelegenen Ende der Stadt verfrachtet werden sollte, war noch während des Geschehens die nächste Haltestelle „Holmenkollen“  wegen einiger dekorativer Updates vor der Haupt-WM im Folgejahr für den S-Bahn-Verkehr (in Oslo „T-Bane“, mit T für Tunnel) gesperrt. Das stell dir jetzt mal bildlich bei uns vor!

Ein Großereignis, ein Skisprungstadion, viele Tausend Fans, keine Parkplätze und die nächste Haltestelle der Öffentlichen (für die etwas Unsportlichen unter uns) gut 30-40 Minuten Fußmarsch, steil bergauf und durch Schnee und Eis, vom Ort der Veranstaltung entfernt. Ein WM-Skandal? Meuterei der Besucher? Demütige Pressekonferenzen der Veranstalter? Alarmierende Artikel der Regenbogenpresse („Der Tag als ich für Petter Northug durch die Weiße Hölle ging“)? Weit gefehlt. Der Veranstalter hatte sympathische, warmeingepackte Freiwillige Helfer mobilisiert, die den Besucher am T-Bane-Ausstieg mit Schildern das  fröhliche Motto „Fit zur WM“ präsentierten. Die Deutsche in mir fand das ziemlich zynisch und frech, doch die Einheimischen nahmen den Impuls an und haben sich gutgelaunt ohne zu murren auf den schönen Schneespaziergang begeben. Was nützt es schließlich Zustände zu beklagen, die sich eh nicht werden ändern lassen? Da läuft man einfach los, saugt die fantastische Aussicht auf den vereisten Fjord im winterlichen Sonnenlicht in sich auf und fühlt die Kälte, wie sie einem lustig in die Nase beißt, und tut obendrein noch doppelt was für seine Gesundheit: weil man sich im Freien bewegt und weil man sich nicht aufregt. So eine fitte WM bekommt man als Zuschauer nur in Oslo geboten – man bedenke, dass in früheren Zeiten  die Vorväter und -mütter noch selbst auf Langlaufskiern durch den Wald zum Holmenkollen sausen mussten!

Nakholmen

Sommer auf der Lieblingsinsel im Oslofjord

In eine ähnliche Richtung arbeitet das Wort „sommeråpent“. Ich sage euch: ein ganz hinterlistiges Früchtchen! Es klingt ja zunächst Wort für Wort genommen wunderbar. „Sommer“ und „offen, geöffnet“, sozusagen „sommeroffen“, das klingt doch verführerisch nach Ferien, Freiheit, Freude und einem bunten Strauß an Sommerspäßen. Wer mag da schon den oben zitierten Haken vermuten? Der in Oslo lebende Ausländer weiß, dass das Wort im Zusammenhang mit diesen  speziellen Zustand im Juli verwendet wird, wenn so ziemlich alle Einheimischen gleichzeitig ihren Jahresurlaub am Stück nehmen und in Scharen für Wochen die Stadt verlassen. Die berühmten „Fellesferie“ – von manchen Firmen auferlegt, aber von vielen Arbeitnehmern auch freiwillig aus der Tradition heraus oder wegen der geschlossenen Kindergärten und Schulferien so genommen. Man fährt in dieser Zeit in die „Hytte“, also in das komfortable Holzhaus mit flinkem Internet und Digital-TV an der Küste oder im Gebirge. Also „back to nature“ auf hohem Niveau! Die meisten Familien nennen eine solche „Hytte“  ihr eigen. Viele Firmen haben aber auch solche Freizeithäuser, die sie nach bestimmten Auswahlverfahren an ihre Mitarbeiter günstig vermieten. Meist sind das Häuser in Norwegen, doch meine Firma hat z.B. Häuser in Marbella und Chamonix für ihre IT-Sklaven.

Der Rest, der im Juli nicht kollektiv in die „Hytte“ umzieht, begibt sich zu horrenden Flugpreisen (da ja alle gleichzeitig reisen) auf „Sydentur“. Man gibt hier also begrifflich freimütig zu, dass es um All inclusive, Sonne, günstigen Alkohol und Strände geht – egal wo, Hauptsache südlich von Kristiansand. Ob nun Italien, Spanien oder … macht nichts. Süden, „Syden“, halt.

Inselidylle mit Oslo im Hintergrund

Inselidylle mit Oslo im Hintergrund

Wegen der kollektiven Ausreise der Norweger aus der Stadt kann hier auch der Rest ohne jedes schlechte Gewissen in den Juli-Schlaf gehen. Behörden, Buslinien, Geschäfte, Coffee Bars. Hier wird nicht für die anfallende Haupttouristensaison aufgerüstet oder angepasst an die schönen, hellen Sommernächte die Öffnungszeit verlängert. Hier legt man alles auf Eis oder betreibt es zumindest am Rande des konsequenten Schließens auf Sparflamme.

Diese Sparflamme bezeichnet man mit dem legendären Begriff „sommeråpent“. Das Wort betont zwar in nordisch-positiver Art, dass was offen ist (trotz Sommer!). Doch in der Regel fasst es auf Schildern zusammen mit welchen nervraubenden Einschränkungen man als letzter zugereister Mohikaner im Sommer zu leben hat und markiert die kurzen Übergangsphasen zwischen „sommerstengt“ und „sommerstengt“, dem Gegenteil von „sommeråpent“. Da wirst du halt mal gegen 17h aus der coolen Kaffeebar neben dem Büro verwiesen, in der du jenseits der Juliflucht noch den halben Abend surfend deinen Café Latte hättest schlürfen dürfen. Und dann wartest du an der angrenzenden Haltestelle locker 20 Minuten auf deinen Bus, der sonst in der Rush Hour alle 3 Minuten vorbeieilt.  Dein Päckchen kannst du bei der Post dann natürlich nicht mehr abholen, wenn sich der Bus durch die ganzen Sommerbaustellen gequält – die Post schließt doch eh eine Stunde früher als normal.

Aber dann nimmst du das einfach mal ganz norwegisch. Genießt deinen Kaffee an der frischen Luft, setzt dich auf die Bank, packst das Buch aus und denkst dir beim Aufschlagen der angelesenen Seite „wie schön, dass noch so viel offen ist – und das mitten im Sommer!“

Hab einen tollen Juli!

Arendal

Sommer an der Südküste

 

Anmerkung zum Sternchen *:

Ihr wisst, es ist mir vollkommen bewusst, dass es auch davon fast 5 Millionen verschiedene gibt, mit allerlei persönlichen Eigenschaften und Charakteren. Aber es gibt ja schon so eine gewisse Grundidee, wie unterschiedliche Menschen einer Kultur, vielleicht sogar unbewusst und ungewollt, gemeinsam ticken und an die Welt herangehen. Verzeiht mir an dieser Stelle Verallgemeinerungen – ich überspitze bewusst, mit ganz viel Zuneigung und Respekt!

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