Land in Sicht? Fjord in Sicht!

Manchmal hat das Schicksal und seine Wendungen, die es für dich in dein Leben einbaut, einen gepflegten Sinn für Humor, finde ich. Flåm? Das ist doch der Ort, an dem alles begann. Oder besser: der Ort an dem ich beschloss, dass und wo ES tatsächlich beginnen sollte. Im Jahr 2007 habe ich im Rahmen einer verlängerten Norway in a Nutshell-Tour (darüber werde ich noch einen eigenen Artikel schreiben – Geduuuuuld!) einige tiefenentspannte Sommertage am Fjord im winzigen Dörfchen Flåm verbracht. Mit einem riesigen Stapel Bücher, damals noch unzähligen, urzeitlichen Filmrollen und dem unbedingten Willen, mich maximal von frech lachenden Möwen über meinem Steg stressen zu lassen. Zeitlich zwischen einem bereits absolvierten und aussichtsreichen Jobinterview in Zürich und einem weiteren Bewerbungsgespräch in Oslo am Ende des Urlaubs mit noch offenem Ausgang. In Flåm kam schliesslich die E-Mail mit der Zusage aus Zürich an. Eigentlich das grosse Los für eine damals taufrische Studienabsolventin – eine Bewerbung, ein Interview, ein guter Job im Ausland, läuft bei mir! Doch die Tage in Flåm und die Sehnsuchtsgefühle, die Norwegen in mir geweckt hat, haben mich dazu gebracht, auf meinen Bauch zu hören und gegen jede Art von brauchbarem Verstand, in der Schweiz abzusagen und alles auf eine Karte bei dem kommenden Jobinterview (und den nachher folgenden Runden) in Oslo zu setzen. Gesagt, getan und am Schluss für meinen Irrsinn belohnt bin ich dann einige Wochen später zu meinem ersten Arbeitstag in Oslo angetreten und habe es so gut wie nie bereut seitdem.

Mai am Lusterfjord

Mai am Lusterfjord

Nun ist es fast schon ein wenig humoristisch, dass ausgerechnet Flåm wieder der Ort sein soll, an dem es an diesem Wendepunkt zumindest mittelfristig weiter geht und an dem die Dinge zu durchdenken, sortieren und wichtige Weichen für die Zukunft zu stellen sind, oder? Genau jene Firma, für ich damals nach Flåm in Deutschland alles habe stehen und liegen lassen, stellt nun Ihren Betrieb in Norwegen ein und setzt viele von uns ausgewanderten Arbeitsmigranten aus der EU unsanft auf dem Boden der 2016er Tatsachen ab: Ölkrise, steigende Arbeitslosigkeit der hochqualifizierten Einheimischen und damit (verständlicherweise?) immer weniger Begeisterung dafür, Einwanderern eine Chance im Unternehmen zu geben. Für mich speziell heisst das nun, dass ich zwar im Jahr 2007 noch mit einer einzigen Bewerbung und ohne bedeutsame norwegische Sprachkenntnisse vom Fleck weg nach Norwegen geholt wurde, aber sich nun mit all der Berufserfahrung und norwegischen Kultur- und Sprachkenntnissen und nach gut 100 Bewerbungen einfach keine Anschlussbeschäftigung auftun mag.

Wohin jetzt?

Und nun…Wohin jetzt?

Da ich schon länger damit liebäugle, meine nordische Reiseleidenschaft und meinen Beruf noch weiter miteinander zu verschmelzen, habe ich aus der Not eine Tugend gemacht und mich im Frühjahr vermehrt für zeitlich begrenzte Tourismusstellen beworben, in denen auch deutsche Sprachkenntnisse eine Grundvoraussetzung sind. Ich habe so einige der zahlreichen Guide-Programme ins Auge gefasst oder mich über auch zeitlich begrenzte Stellen in international besuchten Museen und anderen Tourismus- und Kulturbetrieben informiert. Letztendlich hatte ich verdammtes Glück, und es ging noch kurz vor dem Absprung in den freien Fall der im letzten Artikel beschworene Fallschirm auf. Schon Mitte Mai geht es erstmal nach Flåm, wo ich für einige Monate genau das tun darf, was mir privat schon so viel Freude bereitet. Ich werde Touristen, die das Kundenzentrum von Visit Flåm besuchen, die schönsten Reisewege und Highlights der Region aufzeigen und -zeichnen und darf vielleicht sogar ein wenig an der Entstehung ihres perfekten Nordlanderlebnisses mitstricken. Vor dem Herbst muss ich dann  noch herausfinden, wie und wo es langfristig für mich weitergeht. Doch zunächst heisst es Fjord, Fjell und dort arbeiten, wo jährlich Tausende internationale Gäste versuchen, Norwegen perfekt komprimiert zu einer klitzekleinen Nussschale zu entdecken.

Lusterfjordidyll

Lusterfjordidyll

Wieso überrascht es mich eigentlich gar nicht, dass mir ausgerechnet jetzt die verknickten und aneinanderpappenden Papierfotos von Flåm aus dem besagten Sommer 2007 in die Hände fielen, als ich gestern verzweifelnd suchend einen Stapel lang schon nicht mehr beachteter Habseligkeiten aussortieren musste? Manchmal SOLL es vielleicht einfach so sein, wie es letztendlich gekommen ist, oder?

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