Alles auf Anfang?

In meinem Kopf und in meinem Herzen spukt mein Projekt „Northloving“ schon lange herum. Aber der Zeitpunkt, an dem es sich nun endlich den Weg aus dem Kopf durch die Tastatur ins Netz bahnt, erscheint mir selbst fast ein wenig unpassend. Es ist nun schon gut 8 Jahre und 5 Monate her, dass ich mit nichts als meinen 2 randvoll gefüllten Köfferchen das Abenteuer „alleine nach Norwegen“ trotzig an Bord einer Norwegian-Maschine von Düsseldorf nach Oslo in Angriff genommen habe. Nicht für 14 Tage, nicht für 3 Monate – das Etappenziel lautete „erstmal für ein ganzes Leben“. Nach allen aktuellen Erkenntnissen zur Verhaltensbiologie des abenteuerlustigen Social Media-Freunds  wäre das nun der ideale Zeitpunkt gewesen, mit dem Bloggen zu beginnen und mein virtuelles Baby als „Ode an den Norden“ laufen lernen zu lassen. Erste atemlose Eindrücke aus dem „gelobten Land (der Wikinger)“ und wahrscheinlich ein unerschöpflicher Fundus an „alle(s) so anders, alle(s) so viel toller und so viel teurer!“. Aber damals gab es für mich nur hier und da ein Check-In auf Facebook oder später viele bunte Alltagsimpressionen auf Instagram (ich bin ChristinaOslo), um mein Leben in Norwegen portionsweise abgepackt für immer einzufrieren. Vielleicht sogar einige Stapel Postkarten von allen meinen nordischen Expeditionen für die richtig wichtigen Menschen im Leben – eingeworfen in rote (Norwegen, Dänemark, Island), weiße (Åland-Inseln),  blau-orange (Finland) oder gelbe (Schweden) Postkästen mit den wahrscheinlich spektakulärsten denkbaren Heimatorten und Hintergrundszenen.

Stürmische Zeiten

Es ist schon komisch, dass ich ausgerechnet jetzt wirklich mit dem Tippen beginne und bereit bin auf den Publish-Button zu drücke. Wo sich alles aufzuribbeln beginnt, wie ein alter (isländischer) Strickpullover und Ungewissheit das einzige ist, auf das man sich noch mit voller Gewissheit verlassen kann. Gerade ist „alles auf Anfang“. Einerseits ein prickelndes Gefühl, nicht zu wissen, wo es in den kommenden Monaten hingeht oder auch ganz praktisch, wo man selbst in den kommenden Monaten hingeht. Es fühlt sich gerade jeder Gedanke an dieses noch recht frische Jahr alles an wie der erste Fallschirmsprung (d.h. so wie ich mir einen solchen rein theoretisch als überzeugter Angsthase vorstelle!). Es könnte passieren, dass der Schirm nicht aufgeht und man mit einem Wahnsinnsspeed ungebremst auf den Boden der Tatsachen knallt. Nennen wir es mal in einer der teuersten Städte der Welt arbeitslos und plötzlich ohne richtige gutbürgerliche Erklärung dafür zu sein, was man denn „hier oben“ alleine so treibt. Es könnte entschieden werden, dass der Flieger wegen der Witterrungsbedingungen umkehren muss, der Fallschirm zusammengepackt wird und dass damit einfach alles bleibt, wie es in den letzten 8 Jahren war. In Oslo wieder einen sicheren und gutbezahlten Job finden, guten Kaffee trinken, schöne Reisen machen und einfach so weiterleben in der gewohnten Auswandererroutine – das wäre fein. Im Idealfall löst der Schirm jedoch aus, ich zögere, doch springe und erlebe das verrückteste Kribbeln im Bauch, während sich unter mir eine ganz neue bunte Welt ausbreitet – ein Neustart mit Adrenalinkick, irgendwo, wo es mir gefällt. Ja, ich habe Lust auf „neu“, aber unter meinen Vorzeichen. Ich habe wirklich Lust, nochmal einen Neustart zu machen, aber bitte hier in meinem Norden oder an irgendeinem Ort, der mich genauso glücklich macht, wie „mein Norden“. War es früher noch ein unbestimmtes Gefühl, mal dahin zu gehen zu wollen, wo es schön ist, ist es nach den Jahre in Norwegen eine sehr sichere Gewissheit, dass ich ohne wilde Natur und hohe Kultur vereint an einem Ort eingehen würde, wie meine eigenen Ikea-Pflänzchen mit ihrem unbarmherzigen Selbstzerstörungsgen.

Anker los?

Meine Gedanken dazu können dramatisch innerhalb eines einzigen Tages wie eine Sinuskurve verlaufen. Oft werde ich wach, muss gleich wieder in der Dunkelheit daran denken, dass ich bald ohne Job dastehe, mitten in der absoluten Hochzeit der norwegischen Ölkrise und zwar als Ausländer. Und daran dass meine Bewerbungsversuche der letzten Monate bisher mehr als kläglich verlaufen. Daran dass der Fallschirm offenbar klemmt. Die guten Jahre, wo in Norwegen jeder einigermassen qualifizierte Deutschsprachige einen Job fand, einfach nur weil er so schön deutsch sprach, sind offenbar kurz nach meiner Ankunft in 2007 vorbeigewesen. Aber das ist Stoff für einen eigenen Artikel! An solchen Tagen, wo der Morgen mit finsteren Grübeleien auf mich losgeht, denke ich mir, dass ich es mir doch so schön einfach machen könnte. Eine Zeitarbeitsfirma anrufen, einen unaufregenden Call-Center-Job in Berlin-Mitte (da habe ich nämlich noch nicht gelebt!) suchen, Sachen packen, heimfahren und komplikationslos unter Leuten leben, die mich in meiner Muttersprache verstehen, und immer das essen und einkaufen können, wonach mein Magen gerade bettelt. Dieser Gedanke ist manchmal für 10 Minuten richtig tröstlich. Dieses nervenberuhigende „wenn alle Stricke reissen, dann…“ …dann gehe ich vielleicht einfach in die coolste Stadt Europas, nach der sich gerade eh alle verzehren, und werde es da sicher auch cool haben, wenn ich mich nur drauf einlasse!? Nach all den irritierenden Bewerbungserfahrungen hier in Oslo finde ich die Idee, auf dem Weg des geringsten Widerstandes zurück nach Deutschland zu wandern, oft gar nicht mehr so schlimm. Kaum eine Stunde später – vielleicht nachdem ich auf dem Weg zu meinem Noch-Job mit dem Bus am Oslofjord vorbeigefahren bin und die Halbinsel Bygdøy zufrieden in rosafarbenem Morgenlicht habe aufwachen sehen – würde ich hingegen alles, wirklich alles dafür tun, meinen Traum hier im Norden weiterleben zu können. Nicht auf Biegen und Brechen in Oslo. Aber irgendwo in meinem Lieblingsstädtedreieck Oslo – Stockholm – Kopenhagen. Oder vielleicht in einem kleinen Nest auf den Lofoten.

Wir werden sehen – skal vi se… Im Moment hat man mich schon bestimmt und leicht unsanft vom Gate durch die Tür geschoben, ich habe ich den Fallschirm auf dem Rücken und das kleine, alte Flugzeug holpert langsam Richtung Startbahn. Anschnallen, durchstarten und dann alles auf Anfang!

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